Monday, 16. june 2008
1
16
/06
/Juni
/2008
14:27
Trennung kann eine schmerzhafte Erfahrung sein. Auf die Zeit, die (angeblich) alle Wunden heilt, ist kein Verlass. Wenn jemand stirbt, begegnet man diesem Verlust mit
bestimmten gesellschaftlichen Ritualen. Meist geht es schon kurz nach der Beerdigung im Wirtshaus wieder lustig zu.
Aber wenn der Stachel des Verlassenwerdens tief und schmerzhaft sitzt, fehlen diese Rituale. Die Verlassenen geraten nicht selten in einen depressiven Zustand und manchmal spielen sie sogar mit dem
Gedanken an Selbstmord.
Gott sei Dank, bringen sich nicht alle Verlassenen um, sondern suchen und finden häufig einen Ausgleich. Die einen trauern, indem sie sich völlig zurückziehen um so
der Welt mitzuteilen, dass sie durch den Verlust des geliebten Partners den Freuden des Lebens für immer entsagen werden. Andere wiederum stürzen sich hemmungslos in ein Liebesabenteuer nach
dem anderen und meinen, auf diese Art Rache zu nehmen am anderen Geschlecht
Als mich vor Jahren meine damalige Freundin wegen eines anderen verlassen hatte, musste ich meiner Selbstsicherheit bitteren Tribut zollen. Es ging mir wirklich äußerst schlecht und obwohl ich
nie viel Ballast auf den Rippen hatte, magerte ich in den Trauerwochen noch weiter ab.
Ich unternahm alles, um sie zurückzugewinnen. Eines Tages legte ich am Schalter des Amtes, in dem sie arbeitete, zum Vergnügen der übrigen Kunden einen
teuren Strauß roter Rosen mit demütigem Kniefall ab. Schließlich erwies sich dieser Aufwand als Fehlinvestition, denn meine Versuche verliefen allesamt erfolglos.
Da ein junger Mensch aber meist über ein stabiles Immunsystem verfügt, war ich bald wieder auf dem Weg der Besserung und streckte meine Fühler nach
hübschen und bereitwilligen Mädchen aus.
Der Zufall wollte es, dass sich vor kurzem unsere Wege kreuzten und ich in ihrem repräsentativen, zitronengelben Cabrio Platz nehme durfte. Kein Wort über unsere frühere Liebesbeziehung, wir
blieben peinlich genau beim Sachthema, das uns zusammenführte.
Sie wollte mir sichtlich imponieren und setzte das schnittige Wägelchen etwas übertrieben sportlich in Schwung. Auf der rasanten Fahrt betrachtete ich sie
verstohlen von der Seite. Mein Blick glitt über ein müdes, sorgenvolles Gesicht, über ihr einst süßes Stupsnäschen, jetzt faltig zerfurcht, erreichte kurz darauf das ausgeprägte Doppelkinn, um am
gealterten, welken Hals zu verweilen.
Dann glitt mein Blick weiter abwärts und verharrte nach einer erstaunlich langen Wegstrecke auf der Ausbuchtung des Busens. Aus den ehemals grifffesten, anziehenden
Äpfelchen waren massige Kürbisse geworden, die sichtlich mit der Schwerkraft zu kämpfen hatten.
Der modische Rock war an ihrer füllig gewordenen Hüfte gerafft, der Saum über die Knie gerutscht. Er spannte sich über ein ausgeprägtes
Wohlstandsbäuchlein. Ihre Beine, die ich in reizvoller Erinnerung hatte, waren weder zart noch verführerisch und wiesen, durch die teuren, transparenten Wolford-Strümpfe deutlich
wahrnehmbare, rotfleckige Hautstellen und zahlreiche bunte Äderchen auf.
Sie musste meinen optischen Exkurs bemerkt haben und reagierte etwas verlegen.
Da dachte ich mir: Trennung muss ja nicht in jedem Fall etwas Schlechtes sein.